Mittelalterliche Blüte: Oxymel und Sekanjabin in Persien
Im mittelalterlichen Persien – während der islamischen Blütezeit – erlebte das Getränk Oxymel, im Persischen als Sekanjabin bekannt, seine größte Verbreitung und Verfeinerung. Bedeutende Ärzte wie Avicenna (Ibn Sina) und Razi (Rhazes) beschrieben es detailliert in ihren Werken, darunter dem berühmten Kanon der Medizin.
Oxymel/Sekanjabin war mehr als nur ein Heilmittel: Es diente als Arzneiträger, zur Modifikation anderer Arzneien und als beliebtes Erfrischungsgetränk. In den persischen Handschriften sind über 1200 Rezepturen dokumentiert – eine Vielfalt, die die kreative Pharmazie und die klinische Praxis dieser Epoche widerspiegelt.
Medizinische Funktionen
- Therapeutisch: Abführend, schleimlösend, fiebersenkend, leberstärkend.
- Modifikator: Milderte Nebenwirkungen von Arzneien wie Asa foetida oder Mango.
- Adjuvans: Verstärkte die Wirkung vieler Heilpflanzenextrakte.
- Getränk: Sekanjabin wurde gekühlt serviert, teils mit Minze oder Gurke, und war bis heute ein beliebter Sommer-Sirup.
Oxymel und Sekanjabin in Persien – Rezepturen & Zubereitung
Ausgewählte Rezepturen aus persischen Handschriften (Avicenna, Razi u. a.) und ein praxisnahes Grundrezept für Sekanjabin/Oxymel. Mengenangaben und Arbeitsschritte wurden aus den Quellen übernommen, redaktionell minimal vereinheitlicht.
Traditionelle und wissenschaftliche Namen wichtiger Heilpflanzen
Traditioneller Name (Persisch) | Gebräuchlicher Name | Wissenschaftlicher Name |
---|---|---|
Anbaj | Mango | Mangifera indica L. |
Anjedan | Asa foetida | Ferula assafoetida L. |
Anisun | Anis | Pimpinella anisum L. |
Anjereh | Brennnessel | Urtica dioica L. |
Esfarzeh | Flohsamen (blond) | Plantago ovata Forssk. |
Bossad | Edle Koralle | Corallium rubrum |
Razianaj | Fenchel | Foeniculum vulgare Mill. |
Haza’a | Sellerie | Apium graveolens L. |
Ghasad | Gurke | Cucumis sativus L. |
Saghmoonia | Skammonium | Convolvulus scammonia L. |
Onsol | Squill | Drimia maritima (L.) Stearn |
Zanjebil | Ingwer | Zingiber officinale Roscoe |
Jazar | Wilde Karotte | Daucus carota L. |
Nankhah | Ajwain | Trachyspermum copticum (L.) Link |
Koroya | Kreuzkümmel | Cuminum cyminum L. |
Aghergharha | Bertram (Pellitory) | Anacyclus pyrethrum (L.) Link |
Na‘na | Minze | Mentha × piperita L. |
Foodanaj | Polei-Minze | Mentha pulegium L. |
Kashem | Liebstöckel | Levisticum officinale W.D.J. Koch |
Komoon | Kümmel | Carum carvi L. |
Sodab | Weinraute | Ruta graveolens L. |
Zoofaye yabes | Ysop | Hyssopus officinalis L. |
Sana | Kassia (Senna) | Senna alexandrina Mill. |
Lesan ol-sowr | Borretsch | Borago officinalis L. |
Romman | Granatapfel | Punica granatum L. |
Shaeir | Gerste | Hordeum vulgare L. |
Sekanjabin / Oxymel – klassisches Grundrezept (häuslich)
Zutaten (Grundverhältnis)
- 1 Teil natürlicher Essig
- 2 Teile Honig (alternativ Zucker/Zucker-Kandis)
- 4 Teile Wasser
Zubereitung
- Wasser in einem Topf erhitzen, Honig einrühren und aufkochen; auf milder Hitze köcheln lassen, aufsteigenden Schaum abschöpfen.
- Essig zugeben und weiterköcheln, bis die Flüssigkeit auf etwa ein Viertel ihres ursprünglichen Volumens reduziert ist (sirupartige Konsistenz).
- Durch ein sauberes Tuch filtern, abkühlen lassen und verschlossen kühl lagern.
Varianten: In Iran wird Sekanjabin häufig mit Minze oder Gurke serviert; als Süßungsmittel kann auch Zucker verwendet werden.
Afsumali (altes Oxymel – Arzneirezeptur)
Zutaten (Originalangaben)
- Essig: 2,25 kg
- Salz: 976 g
- Honig: 4,9 kg
- Wasser: 3,5 kg
Zubereitung
- Alle Zutaten mischen und auf milder Hitze eindicken.
- Nach dem zehnten Aufkochen vom Feuer nehmen.
Einsatz in Handschriften: u. a. bei Ischias, Gelenkschmerzen, Epilepsie, Schlangenbiss; auch zur Minderung von Opium-Komplikationen.
Sikanjabin al-buzuri (fiebersenkend, gastrisch, diuretisch)
Zutaten (Originalangaben)
- Weinessig: 4,5 kg
- Wasser: 9 kg
- Schalen (Wurzelrinden) von Fenchel: 90 g
- Schalen (Wurzelrinden) von Sellerie: 90 g
- Fenchelsamen: 90 g
- Anis: 90 g
- Sellerie: 90 g
Zubereitung
- Essig und Wasser mischen, die Pflanzenanteile zugeben und 1 Tag ziehen lassen.
- Auf milder Hitze reduzieren, bis ein Sechstel der Ausgangsmenge bleibt.
- Zucker/Zuckerkandis im halben Gesamtgewicht zugeben und weiterköcheln, bis die Hälfte des Sirups verbleibt.
Hinweise in Handschriften: Mit Brennnessel bei Flankenschmerz; mit blondem Flohsamen laxierend; mit Edler Koralle bei Splenomegalie.
Mos’hel al safra (Oxymel zum Ausleiten gelber Galle)
Zutaten (Originalangaben)
- Geklärter Honig oder Zucker
- Alter Essig
- Pulverisierte Extrakte von Gurke und Skammonium: je 30 g
Zubereitung
- Honig/Zucker mit altem Essig auf milder Hitze einkochen.
- Gurken- und Skammonium-Pulver in ein Tuch geben und über der Flüssigkeit aufhängen, bis sich der Inhalt vollständig gelöst hat.
- Weiterköcheln, bis die Mischung eindickt, dann vom Feuer nehmen.
Squill-Oxymel (abführend) – große Gewürzrezeptur
Zutaten (Originalangaben)
- Geschälte Squill-Knolle: 900 g (grob zerstoßen)
- Ingwer: 30 g; Selleriesamen: 60 g; Wilde Karotte: 15 g; Fenchel: 30 g; Anis: 30 g; Ajwain: 15 g; Kreuzkümmel: 30 g
- Asant-Wurzel (Asafoetida): 30 g; Bertram (Pellitory): 30 g; Minze: 30 g; Polei-Minze: 30 g; Liebstöckel: 15 g; Kümmel: 7 g
- Weinraute: 210 g; Ysop-Blüten: 30 g; Cassia-Blätter: 15 g
- Squill-Essig: 9,72 kg; Geklärter Honig: 3,24 kg; Reifer Traubensaft: 1,62 kg (im Druck häufig als „1,62 g“ überliefert; hier sinnvoll vereinheitlicht)
Zubereitung
- Pflanzenstoffe grob zerstoßen und in der Essig-/Honig-/Traubensaft-Mischung ansetzen.
- Ansatz filtrieren und in einem sauberen Glasgefäß 1 Woche stehen lassen.
Einsatz in Handschriften: u. a. bei Flankenschmerz, Reflux, Magenbeschwerden, Malabsorption, Dysurie.
Squill-Oxymel (einfach) – Atemwege
Zutaten
- Squill-Essig
- Honig
Zubereitung & Anwendung
Zu Sirup einkochen; verabreicht mit Borretsch-Destillat oder warmem Wasser, v. a. bei Husten/Asthma.
Granatapfel-Oxymel – Fieber, Leber & Magen
Zutaten (Originalangaben)
- Saft von süßen und sauren Granatäpfeln: je 200 g
- Essig: 100 g
- Zucker: 200 g
Zubereitung
- Granatapfelsäfte mit Essig mischen.
- Zucker einrühren und aufkochen, bis sirupartige Konsistenz erreicht ist.
Einsatz in Handschriften: bei chronischen Fiebern; förderlich für Leber- und Magenfunktion.
Hinweise & Aufbewahrung
- Die Essigmenge beeinflusst die Potenz: mehr Essig = stärkere Wirkung, aber potenziell mehr Nebenwirkungen.
- Häufig beschriebene Nebenwirkungen bei Übermaß: Verstärkung nervöser Beschwerden, Libido-Minderung, gastrointestinale Unverträglichkeiten (v. a. bei GI-Schwäche).
- Haltbarkeit traditioneller Oxymel-Sirups: bis zu ca. 3 Jahre (kühl, lichtgeschützt, sauber verschlossen).
- In Handschriften empfohlen: Gabe von Oxymel mit wässrigem Gersten-Extrakt, um Wirkung zu verbessern und Nebenwirkungen zu mindern.
Rechtlicher Hinweis: Historische Rezepturen ersetzen keine medizinische Beratung. Unverträglichkeiten/Allergien (z. B. Honig/Propolis/Pollen) beachten.
Quellen & Literatur
- Zargaran A. et al. Oxymel in Medieval Persia. Pharmaceutical Historian, 2012. Link
- Avicenna: Canon of Medicine (Al-Qanun fi al-Tibb), persische und arabische Ausgaben.
- Razi (Rhazes): Verschiedene medizinische Traktate mit Rezepturen für Sirupe und Oxymel.
- Heliyon Review (2024): „Oxymel: Historical perspectives and modern bioactivity“ (PMC10730569). Link
- Journal of Ethnic Foods (2022): Sekanjabin – Persias ancient mint vinegar sharbat. Link
- Pharmaceutical Historian (2012): Oxymel in Medieval Persia – Rezepturen Afsumali, Sikanjabin al-buzuri, Mos’hel al safra, Squill-Oxymel, Granatapfel-Oxymel.
- Savigh.com: همه چیز درباره سکنجبین و طرز تهیه و روش مصرف – häusliches Sekanjabin-Grundrezept & Arbeitsschritte.
Hinweis zur Anwendung der Rezepturen:
Hinweis zur Anwendung der Rezepturen:
- Die vorliegenden Rezepturen basieren auf historischen Quellen, insbesondere auf klösterlichen Aufzeichnungen, und wurden mit aktuellem phytotherapeutischem Fachwissen sowie modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen harmonisiert.
- Phytonzide – von Pflanzen gebildete bioaktive Substanzen mit antimikrobiellen Eigenschaften – spielen eine zentrale Rolle im Immunsystem und in der Abwehr pathogener Mikroorganismen, einschließlich Viren, resistenter Bakterien und Pilze. Ihre therapeutische Wirkung setzt eine exakte Zubereitung und Anwendung gemäß Anleitung voraus. Nur dann ist die Wirksamkeit der enthaltenen Phytonzide im Präparat gewährleistet.
- Da Heilpflanzen pharmakologisch aktive Inhaltsstoffe enthalten, können unerwünschte Wirkungen, Wechselwirkungen mit anderen Heilpflanzen oder Medikamenten sowie Kontraindikationen bei bestimmten Erkrankungen auftreten. Bitte prüfen Sie vor der Anwendung alle sicherheitsrelevanten Aspekte sorgfältig. Es wird dringend empfohlen, vor der Anwendung ärztlichen Rat oder den einer qualifizierten medizinischen Fachperson einzuholen, insbesondere bei bestehenden gesundheitlichen Problemen oder laufender Medikation.
- Bitte informieren Sie Ihren behandelnden Arzt über die Anwendung pflanzlicher Präparate, um Risiken zu minimieren und eine integrative Therapieplanung zu ermöglichen.