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Essig-Sirupe in Europa: Arznei, Konservierung und Trinkkultur (16.–19. Jahrhundert)

Shrubs

 

Europa von der Renaissance bis zum 19. Jahrhundert: Oxymel, Sirupe & Shrubs

    Während der Renaissance und der frühen Neuzeit fand das Oxymel seinen festen Platz in der europäischen Heilkunst. Die Rezepturen, die seit der Antike in der griechischen und persischen Medizin bekannt waren, wurden von den Klöstern und Apotheken übernommen und in den Pharmakopöen der Zeit standardisiert. Besonders das Oxymel squilliticum – ein Sirup aus Honig, Essig und Meerzwiebel

    (Squill) – galt als bewährtes Arzneimittel bei Erkrankungen der Atemwege und wurde in der britischen Pharmakopöe bis ins 20. Jahrhundert geführt. Damit zeigt sich eine bemerkenswerte Kontinuität: eine Mischung aus Essig und Honig, die schon in der Antike verwendet wurde, blieb über Jahrhunderte Teil der amtlichen Arzneibücher Europas.

Pharmazie und Alltagsgetränke: Oxymel squilliticum und die Entstehung der Shrubs

    Parallel dazu entwickelte sich in der weltlichen Ernährungskultur eine neue Tradition: die sogenannten „Shrubs“. Ursprünglich handelte es sich dabei um Frucht-Essig-Sirupe, die mit Zucker angesetzt wurden, um Obst länger haltbar zu machen. Der Essig wirkte konservierend, während die Süße den Geschmack abrundete. Diese Sirupe waren im 17. und 18. Jahrhundert in England weit verbreitet, fanden bald ihren Weg in die Kolonien Nordamerikas und wurden dort als alkoholfreie Erfrischungsgetränke oder als Bestandteil von Punches und später Cocktails geschätzt.

Von der Klostermedizin zur Cocktailkultur: Essig-Sirupe zwischen Heilkunst und Genuss

    Im Unterschied zum streng medizinischen Oxymel wandelte sich der Shrub zu einem kulinarischen Produkt: ein Bindeglied zwischen Vorratshaltung, Genusskultur und – indirekt – Gesundheitsbewusstsein. Seine Rolle als „drinking vinegar“ brachte nicht nur Abwechslung in die Getränkekultur, sondern gilt heute auch als Vorläufer moderner Functional Drinks. Damit spiegelt die Entwicklung vom Renaissance-Oxymel bis zu den Shrubs des 19. Jahrhunderts zwei zentrale Strömungen wider: die Professionalisierung der Pharmazie einerseits und die zunehmende Bedeutung von Geschmack, Haltbarkeit und sozialem Konsum in der Alltagskultur andererseits. Beide Traditionen – die medizinische und die kulinarische – greifen auf dieselbe Grundidee zurück: die Mischung von Essig und Süßungsmitteln als Träger für Heilpflanzen, Früchte und Wirkstoffe.

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