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Boris P. Tokin Begründer der Phytonzid-Lehre

Boris P. Tokin

 

    Boris Petrowitsch Tokin ( 1900–1984 ) war ein sowjetischer Biologe, Doktor der Biologischen Wissenschaften, Rektor der Universität Tomsk und Gründer des Lehrstuhls für Embryologie ( 1949 ) an der Leningrader Staatlichen Universität A. A. Schdanow .

    Er war Präsident der Leningrader Gesellschaft der Naturforscher ( 1966–1984 )  Internationale Bekanntheit erlangte er als Begründer der Phytonzid-Lehre, mit der er ein neues biologisches Wirkprinzip beschrieb.

    Tokin arbeitete an bedeutenden wissenschaftlichen Einrichtungen der Sowjetunion, unter anderem in Leningrad und Moskau, und war maßgeblich am Aufbau moderner biologischer Forschungsrichtungen beteiligt. Er gehörte zu jener Generation von Wissenschaftlern, die Biologie nicht isoliert, sondern systemisch und funktional verstanden.

    Von 1966 bis 1984 war Tokin Präsident der Leningrader Gesellschaft der Naturforscher, einer der ältesten und einflussreichsten wissenschaftlichen Vereinigungen Russlands. Diese Funktion unterstreicht seinen Rang als anerkannte Autorität innerhalb der sowjetischen Wissenschaft.


Wissenschaftliche Ausgangslage und Fragestellung

    Tokins Forschung setzte an einer grundlegenden Frage an:

Sind Pflanzen gegenüber Mikroorganismen passive Organismen – oder besitzen sie aktive Abwehrmechanismen?

    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts dominierte die Vorstellung, Pflanzen seien Krankheitserregern weitgehend ausgeliefert. Tokin stellte diese Sichtweise infrage und begann mit systematischen Untersuchungen zur Wechselwirkung zwischen Pflanzen und Mikroorganismen.


Experimentelle Forschung und zentrale Erkenntnisse

    Ab 1928–1929 führte Tokin kontrollierte Experimente durch, bei denen er:

  • frische Pflanzenteile (z. B. Zwiebeln, Knoblauch, Kräuter),

  • deren Gewebesäfte,

  • sowie ihre flüchtigen Ausdünstungen

auf Bakterien, Pilze und Einzeller einwirken ließ.

Das entscheidende Ergebnis:
Die antimikrobielle Wirkung trat häufig ohne direkten Kontakt auf. Daraus folgerte Tokin, dass Pflanzen chemisch aktive, flüchtige Stoffe freisetzen, mit denen sie ihre Umwelt beeinflussen.

Zur Beschreibung dieses Phänomens führte er den Begriff Phytonzide ein (phyton = Pflanze, caedere = töten).


Die Taschkent-Markt-Episode

    In späteren Erinnerungen schilderte Tokin eine Reise nach Taschkent (1932). Auf einem traditionellen Markt beobachtete er die Zubereitung stark gewürzter Fleischspeisen unter einfachen hygienischen Bedingungen. Die intensive Verwendung von Zwiebeln, Senf, Pfeffer und anderen Gewürzpflanzen führte ihn zu der Überlegung, dass deren flüchtige Pflanzenstoffe bakterienhemmend wirken könnten.

👉 Diese Episode war ein anschaulicher Denkanstoß, der Tokins bereits laufende Forschung bestätigte. Nach seiner Rückkehr setzte er gezielt weitere Laboruntersuchungen an.


Anwendung und praktische Umsetzung

    Tokin verstand Phytonzide nicht als isolierte Wirkstoffe, sondern als Teil eines biologischen Abwehrsystems. Seine Arbeiten führten zu Anwendungen in:

  • der Hygiene und Luftreinhaltung (Schulen, Krankenhäuser),

  • der Wundbehandlung (u. a. während des Zweiten Weltkriegs),

  • der Lebensmittelkonservierung,

  • sowie der Umwelt- und Gesundheitsforschung.

    Dabei betonte Tokin stets den regulierenden Charakter der Phytonzide – im Gegensatz zu aggressiven chemischen Desinfektionsmitteln.


Entwicklung und Verbreitung der Phytonzid-Lehre

    Auf Tokins Arbeiten aufbauend entwickelte sich in der UdSSR ab den 1940er-Jahren ein eigenständiges Forschungsfeld. Phytonzide wurden untersucht in:

  • Botanik und Pflanzenphysiologie,

  • Medizin und Mikrobiologie,

  • Forstwissenschaft und Ökologie,

  • Lebensmittel- und Umweltforschung.

    Ab den 1960er-Jahren fanden Tokins Konzepte auch internationale Beachtung, insbesondere im Kontext von Naturmedizin, Umweltbiologie und später der Wald- und Präventionsforschung.


Wissenschaftliche Bedeutung

Tokins bleibende Leistung liegt darin, ein biologisches Prinzip:

  • experimentell nachgewiesen,

  • theoretisch gefasst

  • und interdisziplinär anschlussfähig gemacht zu haben.

Er verband exakte Laborarbeit, biologische Theorie und praktische Anwendung – und zählt damit zu den prägenden Gestalten der modernen Pflanzen- und Umweltbiologie.